Der gefühlte Startschuss

SabineAllgemein, Reisetagebuch2 Comments

Ein großes Loch klafft in der Seite unseres neuen Zuhauses. Ein etwas kleineres in der Front. Jeder kann sofort erkennen: Das hier ist kein Startschuss. In diesem Zustand können wir den neuen LKW gerade mal auf dem Werkstattgelände umparken … von Abenteuern in fernen Ländern kann noch keine Rede sein.

Was nur wir erkennen können: Dieser kleine Schalter in unseren Köpfen wurde heute umgelegt. Der Schalter, der unser Projekt für uns zu verwandeln vermag. Das schwarze Zeitloch in der Werkstatt, dass begierig die Monate und mit ihnen immer mehr unserer Energie in sich verschlingt, mutiert zu einem Wurmloch. Bald wird es sich öffnen und uns in ein Leben ohne Zeitloch zurückkatapultieren. Mehr noch: Unsere Energie wurde nicht wirklich verschlungen, sie wurde nur investiert – und in wenigen Tagen ist Zahltag.

Hochzeit – Es geht los

Ich habe das Smartphone in der Hand und will in einer Instagram Story zeigen, wie unsere selbst gebaute Wohnkabine endlich die Halle verlässt und auf den Zinken des 13 Tonnen Staplers über den Hof getragen wird. Doch ich habe ein kleines Problem und weiß nicht, ob ich meinen 10 Sekunden Streifen wirklich posten sollte. Meine Hände zittern, denn das Herz schlägt mir bis zum Hals. Auf dem Display meines Handys sieht die Transportaktion deshalb ziemlich wackelig aus.

Wow, beim Aufnehmen dieses kleinen Videos hätte ich nicht gedacht, dass unsere Kabine so ruhig durch die Gegend fährt. Die Bildstabilisierung des IPhones taugt richtig was!
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Obwohl wir Kabine und Fahrgestell Anfang Dezember schon einmal verheiratet haben, ist es diesmal aufregender für mich. Unsere selbst gebaute Alubox ist nicht mehr nur eine leere Box, die in Kürze nochmal runter muss. Jetzt enthält sie unseren liebevoll, in hunderten Arbeitsstunden selbst erstellten Ausbau – unser neues Zuhause! Steht sie jetzt auf dem LKW, haben wir es fast geschafft und der Umzug ist nicht mehr weit entfernt.

Dafür muss jetzt alles gut gehen. Die klobige Fracht aus der Halle zu befördern, funktionierte gerade schon einmal besser als gedacht. Immerhin hat sie ein paar Kilo an Gewicht zugelegt, seit wir sie zum letzten Mal bewegt haben und der Stapler kann erst vor der Halle zum Einsatz kommen. Um die Bodenkonstruktion zu schonen und ihr Gewicht beim Anheben gut zu verteilen, nutzen wir Paletten. Zwei Hubwägen schaffen es, die Paletten mitsamt der Kabine anzuheben und wir rangieren unsere schwere Fracht nach draußen. Bisher haben wir beim Ausbau wohl die gewünschte, relativ ausgeglichene Gewichtsverteilung zwischen der linken und rechten Seite hinbekommen. Beim mittigen Ansetzen der Hubwägen, schwebt der weit über eine Tonne wiegende Koloss auf jeden Fall recht stabil und droht nicht, nach einer Seite zu kippen.

Auch die Übernahme durch den Stapler klappt problemlos. Nichts zerdrückt, keine Klebestelle der Bodengruppe beschädigt … klar, wenn jeder beim Positionieren der Hebepunkte gut aufpasst, kann eigentlich nichts passieren. Aber ich bin trotzdem unheimlich nervös. Dabei mache ich mir nicht einmal Sorgen, dass etwas passieren könnte – ich selbst habe schon unsere erste Kabine mit einem 13 Tonnen Stapler auf Herman 2 gesetzt und außerdem schon mehr als einer Hochzeit beigewohnt. Mir ist durchaus bewusst, dass die Kabinen sicher auf dem Stapler stehen … so lange man an den Hebeln keinen Fehler macht, zumindest.

Doch dieser gefühlte Startschuss bewirkt eine Art Euphorie in mir, die ich nicht abschütteln kann. Wir haben es jetzt so weit geschafft.

Unsere erste LKW-Hochzeit. Micha, Andreas von 14qm und ich, positionieren 2015 1 Tonne Stahl und Alu, millimetergenau auf der Pritsche von Herman 2.

Verliebt, verlobt … noch lange nicht verheiratet

Knapp vierzehn Monate ist es nun schon her, dass wir uns entschieden haben, unseren Steyr 680 in gute Hände abzugeben und mit dem Neuaufbau eines Iveco 90-16 zu beginnen.

Damals saßen wir mit einer gebrochenen Achswelle und verzogenem Heckdifferenzial in Portugal fest. Nein, die Strapazen der Reisen, die wir in Zukunft unternehmen wollen, hätte der Steyr nicht geschafft. Kurze Zeit später ging es los und seit dem heißt es:

Fahrgestell aufbereiten, umbauen, Lösungen für Probleme finden, eine neue Wohnkabine konstruieren und bauen, mehr Probleme lösen, Innenausbau planen und fertigen … Tag für Tag für Tag von Montag bis Sonntag als Tagesprogramm. Dazu, oft dann als Nachtschicht, steht natürlich auch noch Schreibtischarbeit auf dem Programm, um die ganze Aktion zu finanzieren.

Mit einem kleinen Handicap konfrontieren uns zudem einige Dinge, die wir am LKW verbauen wollen: Sie existieren noch nicht am Markt. Prototypenbau ist angesagt. Warum können wir es uns eigentlich nicht einfach machen und auf bewährte Sachen zurückgreifen? Klar, da steht eine gute Idee im Raum, wie man ein bestehendes Produkt noch verbessern könnte und dann macht es Spaß zu versuchen, es in geänderter Form oder Funktion entweder selber zu bauen, oder man sucht sich Fachleute als Partner, die einem bei der Umsetzung helfen. Überdies rechnet man sich aus, dass selber machen unheimlich viel Geld sparen würde – die Motivation steigt.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der erste Bau direkt ein Erfolg wird und gelingt, liegt jedoch bei gefühlt 100 zu 1. Spätestens wenn man anfangen muss, ein Teil ein zweites Mal zu bauen, ist damit auch der finanzielle Vorteil nur all zu oft dahin. Und obwohl diese Fehlversuche Zeit fressen und frustrieren, tun wir es immer wieder. Gerne sogar. Jedoch: Sobald wir mit Herman 3 reisefertig sind, reicht es erst einmal! Unter dem Strich wandeln wir auf einem schmalen Grat zwischen Perfektionismus, Spieltrieb, Spaß an der Sache und Erschöpfung, weil wir seit 14 Monaten nichts anderes mehr tun. Um die Erfahrungen, die wir dabei machen, sind wir allerdings mehr als froh, denn wir machen so viele Erfahrungen und lernen so viel Neues dazu!

Trotzdem beschränkt sich unsere „Freiheit auf 4 Rädern“ nun schon all zu lange auf das Werkstattgelände und ununterbrochene Arbeit. Der Tag, an dem wir mit Herman 3 auf Reisen gehen können, rückt jedoch mit der heutigen Hochzeit von Kabine und Fahrgestell in sichtbare Nähe. Wir können es beide wirklich kaum erwarten.

Seit die Feuerwehr das Fahrzeug ausgemustert hat, haben wir hunderte Stunden Arbeit in den Umbau gesteckt. Wir hoffen, Hermans alten Freunden gefällt, was wir aus ihm gemacht haben.
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Hochzeit – „Ja“ alles passt

Der Stapler senkt die Kabine vorsichtig auf Böcke ab. Seine Zinken dürfen jetzt nur noch den Rand greifen, während ein zweiter Stapler das Gleiche auf der anderen Seite tut. Jetzt wird es spannend. Beide Fahrer müssen die Kabine gleichzeitig in gleicher Geschwindigkeit anheben. Ist einer zu schnell oder zu langsam, könnte die Kabine ins Rutschen kommen und abstürzen. Aber kein Problem, alle Beteiligten haben das schon etliche Male gemacht.

Es dauert nur wenige Sekunden und die Kabine ist weit genug angehoben, um den LKW darunter zu fahren. Damit die 28 Verschraubpunkte beim ablassen der Kabine exakt übereinander passen, wird ein paar mal rangiert und die Lage von allen Seiten begutachtet. Es dauert jedoch nicht lange und die Position stimmt millimetergenau.

Gegenüber der ersten Hochzeit von Fahrgestell und Kabine zur Probefahrt nach Tunesien, fällt das Aufsetzen wahrlich unspektakulär aus. Schließlich wissen wir diesmal schon zuvor, dass alles richtig berechnet ist und die Verschraubpunkte tatsächlich passen. Der Moment der Begutachtung des Unterbodens auf dem Zwischenrahmen war, trotz aller Sorgfalt bei Bau von Kabine und Zwischenrahmen, letztes mal doch eine spannende Sache.

Jetzt müssen nur noch meine Halteklötzchen funktionieren, die ich vor drei Tagen zugeschnitten und mit Gewinden versehen habe. Ich werde die Gewinde hoffentlich nicht zu schief eingeschnitten haben oder irgend so ein Mist?

Gewinde in die Halteklötze schneiden
Wenige Tage vor der Hochzeit: Ich fertige neue Halteklötzchen aus Aluminium. Für die Testfahrt hatten wir „auf die Schnelle“ vorhandenes Material genutzt.

Nein, zum Glück lassen sich die Schrauben alle hervorragend positionieren und in die Halteklötze drehen. Schraubensicherung ran, festziehen – tadaaaaa! Ein Herman, wie er im Buche steht!

Entspannte Schlussetappe

Was jetzt noch zu tun ist, könnte man schon fast schon als entspannte Schlussetappe bezeichnen. Außer dem Verschluss der beiden Löcher der Kabine, die mit einer Panoramaklappe und einer Durchstiegstür gefüllt werden müssen (Stichwort „Prototypenbau“ und „doppelt machen“), fehlt hauptsächlich noch die Technik: Stromkomponenten, Heizung, Wasserfilterung. Warum das entspannt werden soll? Weil wir in diesem Falle einmal keine Experimente machen. Hier hören wir einfach auf das, was Martin von Tigerexped* uns sagt, weil wir wissen, dass es dann gut wird. An die Einbauanleitung halten, fertig! Es darf ja auch mal einfach sein.

Ansonsten brauchen wir noch eine Auszugsplattform an der Haustür, eine Treppe, einen Ersatzradhalter, einen Dachgepäckträger, Stauboxen, eine Gasversorgung … also nichts Großes *lach*. Geplanter Zeitraum: Ein weiterer Monat.

Gefühlt ist der Startschuss schon gefallen, jetzt wo das Reisefahrzeug „komplett“ aussieht. Auch der, durch notwendige Reiseimpfungen etwas schmerzende Arm, rückt den Start in neue Abenteuer vom fernen Traum in reale, fühlbare Nähe.

Ich freue mich so sehr darauf, das Reisetagebuch von Herman dem Dritten endlich mit Leben zu füllen.

Sieh Dir die Hochzeit als Video an!

Mehr dazu

Testfahrt Tunesien

Sabines persönliches Tagebuch

Die ersten Tagebucheinträge für unsere Erlebnisse mit Herman 3, durfte ich bereits bei einer Testfahrt nach Tunesien schreiben. Was wir im Land erlebt haben und wie sich LKW und selbst gebaute Kabine bei dieser Offroad-Tour geschlagen haben …

Video Doku

Bau unseres Allrad Wohnmobils

Vom ausgemusterten Feuerwehrfahrzeug zum Reisemobil. Wir haben den kompletten Umbau Video-dokumentiert – von der Grundrissplanung bis zum Material Q&A

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2 Kommentare zu “Der gefühlte Startschuss”

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