Dünenfahrschule – Wer hat etwas von einfach gesagt?

SabineAllgemein, Reisetagebuch0 Comments

LKW Bergung mit Seil

Dienstag, 11.12.2018

Heute wird unser vorletzter Tag in den Dünen sein. Er soll mehr dem Fahrtraining für zukünftige Reisen dienen, als ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Gemeinschaft in der Gruppe bietet dafür perfekte Bedingungen. Mit so viel Hilfe als Begleitung, kann man sich an Geländepassagen heran trauen, die einem alleine zu heikel gewesen wären. Genau so aber gewinnt man Erfahrung und alle Mitreisenden wollen das gerne nutzen.

Ausgesucht haben wir uns dafür die Dünen bei Camp Zmela. Es ist ein Camp in völliger Alleinlage, nichts als Sand drum herum. Tobias kennt die Dünen vor Smela aus Rallyezeiten, der Campground war für die Teams ein beliebtes Übernachtungsziel. Er nennt die bereits hinter uns liegenden Dünenfelder ein Kinderspiel im Vergleich zu denen diesen.

Bis zu unserem Ziel sind es von Ksar Ghilan aus nur wenige Kilometer Fahrt. Aus diesem Grund lassen wir den Tag ruhig angehen.

Abfahrt aus Ksar Ghilane

Die Oase besitzt einen Aussichtsturm, den wir am Morgen bei einem kleinen Spaziergang besteigen. Von oben fällt unser Blick auf hunderte Palmen, Zelte und die dahinter liegenden Dünen – es ist wunderschön. Die Rufe von zwei Eseln dringen durch die Oase. Ein paar Vögel, die unseren heimischen Krähen sehr ähnlich sehen, käbbeln sich am wolkenlos blauen Himmel. Darüber hinaus ist es total ruhig. Zwischen den Zelten und Zimmern, die unter uns an Touristen vermietet werden sollen ist kein Mensch unterwegs – alles ist aufgeräumt und unbenutzt. Idyllisch sieht das aus, von hier oben, doch fast auch ein bisschen gespenstisch, wenn man den Blick ein wenig länger über die wie ausgestorbenen Plätze schweifen lässt.

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Ksar Ghilane Gästezelte
Blicke vom Aussichtsturm Ksar Ghilane.

Als wir vom Turm hinabsteigen wird es endlich wärmer. Noch in dicke Jacken gehüllt, hatten wir den kurzen Spaziergang angetreten. Jetzt sind wir auf dem Weg zu dem Restaurant an der heißen Quelle, in dem wir gestern wunderbar köstlich gegessen haben und die Sonne entfaltet ihre Kraft. Nur 5 Minuten sind es vom Turm aus zu Fuß zur Quelle. Bis dahin ist jeder von uns im Tshirt unterwegs. Wir nehmen einen Kaffee.

Der schmächtige Tunesier von gestern bedient uns wieder. Er misst kaum 1,60 m und seine Größe passt damit sehr gut ins Bild. Man könnte denken, er hätte es mit dem Kajal um die Augen etwas zu gut gemeint – aber das ist halt typisch Prince. Jeder von uns erkannte sofort die Ähnlichkeit mit dem extravaganten Sänger und nun wissen wir auch: Prince macht nicht nur hervorragend knusprige Pommes Frittes und geizt nicht mit scharfem Harissa, er macht auch einen sehr guten Kaffe am Morgen.

Ksar Ghilane, Restaurant
Wer an den heißen Quellen etwas essen möchte, dem können wir dieses Restaurant empfehlen. Super leckeres Essen, sehr saubere Küche (auf dem Weg zum Klo dort hin verlaufen), seine Terrasse liegt direkt an der Quelle.
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Wenn die Dünen einen fertig machen

Es ist noch Vormittag, als wir eine Wagenburg zwischen den Ausläufern der hohen Dünen bauen. In den Außenküchen der LKW, die unter den Wohnkabinen in Staukästen eingebaut sind, wird Omlet und andere Leckereien gebraten. Kaffeespezialist Volker verteilt Tassen, aus denen es wohlriechend dampft.

Micha und ich müssen uns ein bisschen durchschnorren. Kulinarisch wird es bei uns erst, wenn unsere Leerkabine ein Minimum an Ausstattung bekommt. Ich schnibble auf dem Batteriekasten etwas grüne Spitzpaprika und schmeichle mich damit an der Kochstelle von Uli und Edith ein. Mit einem so köstlichen Zweitfrühstück kann ja gleich keine Düne zu hoch für uns sein.

Weit gefehlt. Der Trupp macht sich geländefertig. Als erster ist Volker im Zetros fix und fertig. Seine 4,50 m Radstand würden ihn wohl in den Wahnsinn treiben, wenn wir das mit der Dünenfahrerei noch länger betrieben. Wenn der Zetros feststeckt, dann so richtig. Mit drei buddelnden Personen auf jeder Seite, hält sich der zeitliche Aufwand in einem relativ überschaubaren Rahmen – alleine würde er vermutlich Tage graben.

Volker nutzt den Umstand nicht alleine unterwegs zu sein so richtig aus. Er treibt sein schwarzes Ungetüm über die Dünen, als wenn es kein Morgen gäbe und hat auch keinen Vertrag damit, etwas zu Bruch zu fahren. Dabei hat er bisher immer seine gute Laune behalten. Auch unsere kleinen Frotzeleien über seinen Offroad Boliden steckt er mit einem Zwinkern weg. Heute jedoch gehen im die Grenzen der Fähigkeiten seines teuren Gefährts ganz schön auf den S…

Alle Fahrzeuge sind in den Dünen verteilt, als wir feststellen, dass Volker nicht mehr fährt. Phil und Karo im Discovery und Volker im Zetros bergen sich gegenseitig. Wenig später erfahre ich von Karo, dass Volker keine Lust mehr hat und erst mal runterkommen muss. Er bleibt jetzt erst mal einfach stehen. Naja, den Anschluss verlieren kann er auch nicht, denn die Senken zwischen den Dünen werden so kurz, dass keiner von uns mehr weiß, wo er langfahren soll.

MAN von 4wheel24 auf der Düne
Gute Kombi: Der MAN von Tobi kann echt was – und Tobi kann einfach echt fahren. Außerdem haben sie Clemens, der erfahren im Navigieren bei Wüstenrallyes ist an Bord. Sie kommen über jeden Dünengürtel
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Nun fangen Tobi und Clemens an zu scouten. Tobias möchte die Leute sicher und möglichst ohne Verluste am Material über die schwierigen Passagen bringen. So klappt das Weiterkommen super und die kleinen Handfunkgeräte* erweisen sich einmal mehr als eines der besten Hilfsmittel, das wir je auf einer Reise dabei hatten.

Bergung des Tages

Uli will es allerdings wissen und steht in puncto fahrerischen Wahnsinns dem Volker in keinster Weise nach. Dazu kommt eine grandiose Fehleinschätzung. In der Annahme, sein Mercedes 914 hätte nicht genug Leistung, um aus dem vor ihm liegenden Trichter wieder heraus zu kommen, versucht er die Senke zu vermeiden, indem er den Trichter an seiner Seitenwand entlang fahren will. Das Ergebnis kann man sich unschwer vorstellen. Es vergehen gefühlt nur Sekundenbruchteile und der LKW befindet sich in einer Schräglage, die man freiwillig garantiert nicht ausprobieren möchte. Zum Glück kommt er vor dem Kippen zum Stehen, doch die Lage ist ernst.

Dass eine Situation einen schlechten Verlauf nehmen könnte, erkennt man immer daran, dass Tobias erst einmal nichts sagt, wenn er die Lage erblickt. An den Sekunden die er brauchte, um die Gemüter mit einem blöden Spruch zu erheitern, merkten Micha und ich sehr schnell, dass man sich nicht täuschte: Der LKW hätte kein einziges Grad schräger stehen dürfen. Unsere flüchtig zugeworfenen Blicke sagten dem jeweils anderen wohl das Gleiche: „Mal gespannt, wie wir den jetzt da raus kriegen“.

LKW Bergung aus Schräglage
Da täuscht die Optik nicht: Der LKW im Hintergrund steht wirklich so schräg!

In der Zwischenzeit hat Volker offenbar die nächsten drei Kaffee oder einen kleinen Schnaps getrunken. Sein LKW hat sich immer noch nicht vom Fleck gerührt aber er selbst kommt mit einigermaßen gut gelauntem Gesicht auf uns zu. Wir sehen ihn von der Nachbardüne zu Ulis LKW. Dort hat sich eine kleine Zuschauertribüne gebildet, da man sich erst einmal einig werden muss, wie das Problem anzugehen sei. Er soll sich mal ein bisschen beeilen, rufen wir ihm zu, denn diese Bergeaktion darf man nicht verpassen – und das, wo es sich nicht um einen schwarzen Zetros handelt *zwinker*

Unsere kleine Zuschauertribüne. Fünf Meter weiter rechts hängt das Sternchen auf halb 8
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Als Volker die Düne des Geschehens erreicht, ist er zum Glück wieder der Alte. Ein kurzer Blick über die Lage und den Plan, den LKW über bestimmte Anbindepunkte mit Hilfe des MAN zu bergen, bringt ihn zu folgender Erkenntnis: „Ich garantiere Euch, dass der umkippt, wenn ihr ihn an diesen Punken anbindet, das ist physikalisch gar nicht anders möglich!“ Eine kurze Diskussion später und er nimmt bei uns, in sicherer Entfernung zu reißenden Bergegurten, einen Platz auf der Zuschauertribüne ein. Die Anbindepunkte bleiben indess, wo sie sind. Wir alle waren Volkers Ansicht. Doch in solchen Situationen gewinnt einfach wieder die Erfahrung. Tobias ist der Überzeugung, dass auf diese Weise alles gut gehen wird. Und Tobias sollte Recht behalten.

Erneut sind wir am Überlegen, in welches Staufach wir Tobi für unsere zukünftigen Reisen packen.

Hier taten es Schäkel der ganz kleinen Ausführung *lach*

Es freut uns für Volker, dass nicht er der letzte ist, der sich heute in einer denkwürdigen Aktion in die Sch…. manövriert. Er war so demotiviert, da ist es doch auch einmal gut zu sehen, dass ein kurzer Radstand auch kein Allheilmittel ist.

Doch Volker wäre nicht Volker, wenn nicht kurz vor Erreichen des sicheren, festen Wüstenbodens noch einmal der Spieltrieb mit ihm durchgehen würde. Auf der aller letzten Düne setzt sein Zetros noch einmal volle Breitseite mit dem Unterboden auf. Lust zu graben hat keiner mehr aber es ist fast so tragisch, dass es schon wieder lustig ist.

Einer hat sich bei der ganzen Aktion auf jeden Fall königlich amüsiert. Ein Herr mittleren Alters mit braun-beigem Turban auf dem Haupt stieß zu unserer Gruppe. Er ist zu Fuß unterwegs, doch es stellte sich heraus, dass er selber Guide für Allrad-Touren durch dieses Gebiet der Wüste war. Ich unterhalte mich ein wenig mit ihm und es klappt erstaunlich gut, obwohl er kein Englisch spricht. Man muss die Wüste verstehen um sie zu befahren erklärt er mir. Der Mann da vorne, der im MAN, der weiß, wie es geht. Auf seinem Handy zeigt er mir Bilder seiner geführten Touren. Ein sympathischer Kerl. Ich habe keine Ahnung unter welchem Namen sein Angebot zu finden sein könnte, sonst würde ich ihn empfehlen.

Begegnung in der Wüste mit Tunesischem Tourenführer
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Heute Abend gibt es im Camp Lumumba aus Nutella, Milch und Whisky, heißen Apfelsaft mit Wodka und Zimt, sowie diverse Glühweinreste. Nach diesem Tag: Eine angemessene Versorgung, wie wir finden.

Verpflegung im Dünencamp zubereiten

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